Steinmeier: Rede bei engagierten Bürgerinnen und Bürger

Wir haben einen langen Vormittag hinter uns, und ich glaube, jetzt sind alle froh, dass wir jetzt hier zusammen sein können, gemeinsam zu Tisch sitzen und in aller Entspanntheit und Gelöstheit miteinander ins Gespräch kommen.

Ich freue mich sehr, dass Sie alle meiner Einladung gefolgt sind, damit wir uns miteinander und gegenseitig ein gelingendes und gutes neues Jahr wünschen können.

Wir haben auch einen Vormittag hinter uns, der mich – jedes Jahr und auch heute wieder – sehr bewegt. Denn Sie, die vielen engagierten Bürgerinnen und Bürger, die meine Frau und ich gemeinsam mit den Vertreterinnen und Vertretern von Institutionen und Verbänden, von Initiativen und Interessenvertretungen gerade einzeln begrüßen durften, repräsentieren unser Gemeinwesen in seiner ganzen Lebendigkeit und Fülle, in seiner ganzen Buntheit und ja, auch das: in seiner Zugewandtheit zu den Menschen.

Neujahrsempfang des Bundespräsidenten für die Vertreterinnen und Vertreter des öffentlichen Lebens, so heißt die Veranstaltung ganz offiziell. Öffentliches Leben – das ist so eine Formulierung, die uns leicht von den Lippen geht. Und doch ist es viel mehr als eine selbstverständliche Formel. Gerade Sie, die engagierten Bürgerinnen und Bürger, mit denen ich jetzt hier zusammen sein darf, zeigen, wie kostbar und wie wenig selbstverständlich das eigentlich in unseren Tagen ist: öffentliches Leben, Übernahme von Verantwortung, lebendige Gesellschaft.

Es ist ja so leicht, für sich allein zu bleiben oder im kleinen Kreis der Familie und von ein paar Freunden sein Privatleben zu pflegen, vielleicht einigen Hobbys nachzugehen und ansonsten die anderen mal machen zu lassen. Es ist ja so leicht, dann auch gelegentlich oder immer öfter kräftig darauf zu schimpfen, dass die anderen – gemeint dabei meistens: die Politiker oder andere, die im Haupt- oder Ehrenamt öffentliche Verantwortung übernehmen – angeblich mal wieder alles falsch machen. Schlimmer noch: Eigentlich verlassen sich auch die Dauerempörten in unserem Lande darauf, dass andere es schon irgendwie richten werden. Dass andere die Feuerwehren, das THW, die Sozialdienste, die Hospize und vieles andere mehr schon am Laufen halten.

Wenn aber alle so handeln und denken würden, dann würde jenes öffentliche Leben langsam ersterben, das unser Gemeinwesen doch so wesentlich ausmacht. Unser Gemeinwesen, das in Gemeinsamkeit und Austausch, in Auseinandersetzung und Streit, in gegenseitiger Hilfe und Unterstützung, in zukunftseröffnenden Projekten oder in geschichtsbewusster Pflege von Tradition und Erbe erst seine Lebendigkeit und seinen Wert erhält. Ein Zusammenhalt, der den Lebenswert von Gesellschaft erst ausmacht.

Und unser Gemeinwesen lebt auch davon, dass Menschen bereit sind, öffentliche Ämter zu übernehmen, nicht zuletzt in den Städten und Gemeinden, da, wo die sogenannte große Politik ganz konkret im Alltag der Menschen sichtbar und spürbar wird. Es lebt auch von den zahllosen Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitikern, die Tag für Tag das Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern suchen, die sich mitten in den Wind stellen und vor Ort für ein gutes Miteinander streiten.

Wenn Angehörige von Polizei, Rettungsdiensten, wenn sogar Bedienstete im öffentlichen Nahverkehr, wenn Bürgermeisterinnen, Bürgermeister oder Gemeinderäte heute angefeindet, bedroht oder sogar körperlich angegriffen werden, dann geht das uns alle an, alle Demokratinnen und Demokraten in Politik und Gesellschaft. Dann dürfen wir darüber nicht zur Tagesordnung übergehen. Es darf nicht sein, dass Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker in unserem Land schlaflose Nächte haben, weil sie beleidigt oder bedroht werden. Es darf nicht sein, dass Menschen sich von ihrem Amt zurückziehen, weil sie um ihr Leben und um das ihrer Familien fürchten müssen. Und es darf nicht sein, dass junge Menschen gar nicht mehr in Erwägung ziehen, ein öffentliches Amt zu übernehmen, weil sie sagen: „Ich bin doch nicht blöd, diesem Spießrutenlaufen setze ich mich bestimmt nicht aus!“ Wir brauchen doch jeden, die Demokratie braucht jeden, dem der Nachbar, die Gemeinde, die Region, in der er lebt, nicht egal ist. Wir brauchen jeden, der an mehr denkt als nur an sich selbst.

Es ist die Aufgabe von Politik, Polizei und Justiz, auch und gerade diejenigen zu schützen, die sich in öffentlichen Ämtern für unser Gemeinwesen engagieren. Aber es ist auch unsere Aufgabe als Bürgerinnen und Bürger, gegen ein Klima des Hasses und der Menschenverachtung zu kämpfen, gegen ein Klima, in dem demokratisches Engagement nicht mehr gedeihen kann. Wir müssen unsere Stimme erheben, wann immer Menschen im öffentlichen Leben herabgewürdigt, beleidigt oder bespuckt werden, ganz egal aus welchen Motiven Hass und Hetze sich speisen.

Sie alle, die jetzt hier zusammen sind, haben einen Schritt aus dem Privaten heraus gemacht. Ohne Befehl oder amtliche Aufforderung. Sie haben, durch eigenen Entschluss oder durch andere ermutigt, sich irgendwann gesagt: Die anderen gehen mich etwas an. Das Leben ist nicht nur Privatsache. Ich werde gebraucht, ich möchte nicht nur für mich bleiben. Ich muss eine Verantwortung übernehmen, wie klein oder wie groß auch immer. So entsteht öffentliches Füreinander-Einstehen, so entsteht öffentliches, sichtbares Engagement.

Und so entsteht an unzähligen Orten und oft in sehr kleinen, aber wichtigen Teilen eine Gesellschaft, in der man einander achtet, in der man aufeinander achtet, in der trotz mancher Anonymität und Vereinzelung auch immer wieder Gemeinschaft neu wächst. In der sinnvolle und auch sinnstiftende gemeinschaftliche Aktivitäten, Unternehmungen, Zusammenschlüsse und haltbare Verbindungen möglich werden. Aus Verbindungen entsteht echte Verbindlichkeit – das beste Gegengift gegen unverbindliches Meinen und Meckern, gegen unverbindliches Dagegensein und einsames Besserwissen.

Sie, die Sie hier jetzt zusammensitzen, Sie kennen einander nicht, Sie sind sich zum großen Teil zum ersten Mal begegnet. Aber ich bin sicher, Sie erkennen sich. Sie erkennen auch am anderen die Freude am Engagement, die Lust am Anfangen, die Verbindlichkeit einer versprochenen und übernommenen Verantwortung. Sie bilden, wenn man so will, eine unsichtbare, aber umso wirkungsvollere, verzweigte Gemeinschaft, die Beispiel gibt, die Vorbild ist für die Übernahme öffentlicher Verantwortung. Ein Vorbild, dem andere hoffentlich folgen.

Deswegen kann ich mir kaum einen schöneren Anfang des neuen Jahres vorstellen, als heute mit Ihnen zusammen zu sein. Mit denen, die anfangen und mutig weitermachen, die nicht darauf gewartet haben, bis andere anfangen. Ich selber schöpfe daraus eine große Ermutigung.

Unser Land steht heute – aber wann wäre das nicht so gewesen? – vor großen Herausforderungen, Herausforderungen, die von Amtsträgern und Politikern angepackt werden müssen. Aber ich bin guten Mutes, dass wir diese Herausforderungen meistern. Weil es nämlich Menschen wie Sie gibt. Ihnen allen sage ich mit dieser Einladung nach Berlin meinen großen Dank. Genießen Sie das Zusammentreffen mit verantwortungsbewussten Menschen aus allen Teilen unseres Landes, die Gespräche, die neuen Bekanntschaften und Verbindungen, nicht zuletzt auch das Essen. Gehen wir alle gestärkt, ermutigt und heute nicht zu sorgenvoll, besser mit viel Zuversicht in dieses neue Jahr.

Unseren herzlichen und tiefen Dank Ihnen allen!

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